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Sonntag, 29. Juni 2014

Back to the roots



Braucht man in einem Jahr als Voluntär denn eigentlich Urlaub, wenn man in einem Land arbeitet, wo andere Urlaub machen? O ja! Weil – Arbeit ist Arbeit, und obwohl sie anders ist als zu Hause wird man doch auch irgendwann müde.
Außerdem hatten uns schon einige hier empfohlen, nicht nur in Barreiras sitzen zu bleiben, sondern uns auch ein bisschen was vom Rest Brasiliens anzuschaun. Also haben wir uns ganz frech mal 2 Wochen Urlaub genommen. 

Und eine davon wollten wir nach Alagoinhas. Warum? Weil dort die brasilianische Niederlassung der ökumenischen Brüdergemeinschaft von Taizé (Frankreich) ist.
Da ja (wie in den Anfangsblogs zu lesen) unser Weg mit dem Glauben in Taizé damals begonnen hatte, wollten wir dann auch, als wir von der Existenz von Alagoinhas erfuhren, unbedingt da hin. Einfach, um mal die Stimmung, das alles, wieder zu erleben.

Die Reise da hin war auch gar nicht so einfach – weil ursprünglich war es schon im Februar geplant – was aber aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert hat. Dann haben wir zufällig erfahren, dass ein befreundeter Padre hinfährt, weil er etwas abholen muss. Also haben wir gefragt ob wir mit dürfen – und so war die Situation für beide Seiten super. Er musste nicht die ganzen 10 Stunden selbst fahren, und wir konnten zum einen mit ihm Zeit (die bei Padres hier sehr rar ist) verbringen und zum anderen auch ein bisschen die Kosten ökonomisieren. Nach einigen hin und hers stand dann auch endlich das Reisedatum fest: 16.-20. Juni. 

Die Reise ging erstmal mit einem Zwischenstop in Vanderley los – am ersten Abend fuhren wir also nur 2h, und durften dann im „Nachbarort“ übernachten. Dort besuchten wir die Novene zum Fest São João – und wies zu dieser Zeit üblich ist, gabs bei der normalen Quermesse dann zusätzlich Quentão (Heißgetränk aus Cachaça, Ingwer und anderen Zutaten, gibt’s auch basierend auf Wein), Canchica (schwer zu beschreibender süsser Brei mit ganzen Maiskörnern) und natürlich: Forró! Obwohl wir nicht viele Leute vor Ort kannten, wars doch ein sehr sehr schönes Fest :-). 

Am nächsten Tag gings dann auch tatsächlich schon um 6 Uhr morgens weiter – während der Reise  wurde uns dann zum ersten Mal bewusst, wie vielfältig die Landschaft Brasiliens sein kann. Nur weil in Barreiras gerade Trockenzeit ist, heißt das nicht, dass es überall in Brasilien so ist, im Gegenteil. Und so kamen wir durch wunderschöne, grünende Landschaften, mit Hügeln, teilweise Bergen – und wenn nicht zwischendrin die Palmen wachsen würden, hätte mans fast (!) für Oberösterreich halten können. 

Gegen Abend (17 Uhr) kamen wir dann auch in Alagoinhas an – wobei das erste witzige Erlebnis war, dass dort niemand an der Pforte war, alles wie ausgestorben… Weil zu der Uhrzeit grade ein WM-Spiel von Brasilien stattfand! In der Halbzeit kam auch sofort ein Bruder, um uns aufzunehmen (gottseidank kamen wir quasi zur Halbzeit an). Die erste Handlung dort war dann auch: zweite Halbzeit gemeinsam mit den Brüdern und Arbeitern anschauen. (zum Thema WM kommt dann auch nochmal ein Blog von Ben). 

Gebetskapelle (wenn wenige da sind)
Danach gabs Abendessen und Abendgebet – was mit den Taizé-typischen Gesängen abgehalten wurde, aber: nicht in verschiedenen Sprachen, sondern alles, alles in portugiesisch. Und natürlich ist die Stimmung anders, da in Alagoinhas nur 5 Brüder sind, eine Mitarbeiterin und eben die Voluntäre die immer mal wieder wechseln (in unsrem Fall 2). Aber trotzdem fanden wir genau das Gefühl, dieses einfache, zur Ruhe kommen, auf den Kern besinnen dort wieder vor. 
Am nächsten Tag hatten wir erstmal gemütlichst Zeit zum Frühstücken, was wir auch ausgenutzt haben. Dort überraschte uns Bruder Henrique, der spontan vorbeikam, sich über eine Stunde mit uns unterhielt, uns nach unseren Wünschen für den Aufenthalt fragte… Uns damit so richtig das Gefühl von angekommen und willkommen sein vermittelte. Sein Angebot, mit uns täglich ca. ne Stunde Bibelarbeit zu machen nahmen wir natürlich dankend an. Den Rest vom Tag hatten wir Zeit, das Gebiet dort zu erkunden – und das ist wirklich eine Oase mitten in der Stadt, mitten in einem Armenviertel. Die Zimmer sind sehr einfach gehalten, und die Bauten allgemein auch, aber die Blumen- und Rasenanlagen sind wunderschön und liebevoll gestaltet, auch die Malereien und Mosaike an den Wänden – durch das ganze Gelände zieht sich eine Atmosphäre von Ruhe, Geborgenheit… Es gibt so gar einen eigenen (recht naturbelassenen) Garten mit kleinen Sitzgelegenheiten, in dem sich regelmäßig 4 Mikos (Miniäffchen) aufhalten.

Den ersten Tag hatten wir noch wunderschön für uns, danach kam eine größere Gruppe für eine Schulung an. Und mit ihr: Deutsche! Die Jungs hatten nichts mit der Schulung zu tun, sondern waren nur wg. Der WM da und grade auf einen Sprung dort vorbeigekommen – und so wurde die internationale Mischung aus Polen, Deutschland, Österreich, Spanien und Brasilien immer größer.

Am zweiten Tag abends hatte dann Bruder Henrique die Kirche wunderschön mit Kerzen und Musik vorbereitet und überall Fragen zur Lebensreflexion verteilt, und wir hatten so viel Zeit wie wir wollten um sie für uns zu beantworten.




Für uns waren die 2, 5 Tage dort insgesamt super erholsam, weil wir waren wirklich ohne jedwede Erwartung hingefahren, hatten nur vor auszuspannen – und wurden dann auch noch super betreut. Es war auch ein sehr schönes Erlebnis, sich auf die Ursprünge zu besinnen, auf das, wo alles „angefangen“ hat, wieder auf den Kern des Ganzen zu kommen.

Für wen jubelt ihr eigentlich?

Fußball-WM im eigenen Land sind wir ja schon gewöhnt. Die WM in Deutschland und die EM in Österreich-Schweiz haben uns auf das hier vorbereitet. Brasilien und Fußball gehört zusammen wie Brasilien und die Mutter Gottes – Untrennbar. Und normalerweise ist ja auch klar, für wen die Brasilianer jubeln, für Brasilien natürlich… mal schauen.

Von allen Leuten wurden und werden wir gefragt, für wen wir denn jubeln werden bei der WM. Für mich ist es klar, „wenn Deutschland spielt juble ich natürlich für die Nationalelf“. Bei Vicky ist die Lage schon schwieriger… Nein, nicht wirklich. Den Österreichern gefällt es immer, wenn sie den Piefkes eins auswischen können, das verändert auch keine Ehe mit einem. Also  jubelt sie für Brasilien. Sollte bis aufs Viertelfinale eigentlich keine Probleme geben. Wenn die Brasilianer da allerdings gegen Deutschland verlieren, wurde mir schon nahegelegt nicht unbedingt im Deutschland-Shirt singend durch die Straßen zu tanzen.

In Deutschland gibt es ja, wie in Burghausen, Public-Viewing, also Fernsehen XXL. Hier in Barreiras gibt es so was leider nicht. Public-Viewing gibt’s in ein paar ganz großen Städten. Hier muss man sich mit Bildschirmen in Bars begnügen, wenn man nicht zufällig einen guten Freund mit Sky und einem 40 Zoll Fernseher kennt... so wie wir. Diakon João baute seinen Fernseher kurzerhand bei Papa auf und die ganze Familie und ein paar Freunde kommen zu den Brasilienspielen. Die Deutschlandspiele durfte ich mir eher einsam oder max. 3 anderen auf einem kleinen TV ansehen.
Cerveja bem gelada
Bier, schön kalt!

Überhaupt bewirken Brasilienspiele einen Ausnahmezustand. Geschäfte haben geschlossen, alle öffentlichen Ämter ebenso. Für Schüler gibt es Schulfrei und die beliebtesten Biersorten sind in den Supermärkten vergriffen. Vor allem Brama machte bei einem Spiel Werbung indem es 3 Gebinde mit á 12 Dosen (330 ml) zum Preis von 2 gab. Wenn ein Tor fällt hört man das in der ganzen Stadt, da sofort Feuerwerke abgeschossen werden.

Diakon João mit seiner Frau
Und so auch beim 4 zu 1 Brasilien gegen Kamerun. Zu beginn noch alles wie gehabt, alles sitzt zusammen, fiebert mit, drinkt eiskaltes Bier oder Erfrischunsgetränke, knabbert usw.. Bis das erste Tor für Kamerun fällt. Plötzlich ein lauter Jubelruf von Carol direkt rechts neben mir. Alle drehen sich mit fragendem Blick um, „Für wen jubelst DU eigentlich?!“.

Die Lösung des Rätsels: Carol hat in der Arbeit bei einem Tippspiel mitgemacht und auf ein 3:1 für Brasilien getippt. Währe es dabei geblieben hätte Sie ca. 400 Real gewonnen. Demensprechend traurig war das Gesicht beim 4:1.

++++ Aktualisierung++++
Soeben hat Brasilien gegen Chile im Elfmeterkrimi gewonnen. Dieses Mal haben alle für die Richtige Manschaft gejubelt.

Es lebe der König – Pfingsten mal anders

Wie, was, warum König? Pfingsten? Was haben die beiden jetzt miteinander zu tun? Pfingsten ist doch das Fest bei dem der Heilige Geist auf die Jünger Jesu herabgekommen ist und nicht Christkönig.

Zumindest für die Region Barreiras passt alles irgendwie zusammen. Eine Schwester hier erklärte es uns einmal so: Irgendwann zur der Zeit als Brasilien noch von einem König regiert wurde erwartete die Bevölkerung von Barreiras die Ankunft des selbigen. Die ganze Region bereitete sich auf diese Ankunft um Pfingsten herum vor. Doch, der König kam dann doch nicht. Was macht man aber mit all dem Zeug, dass man vorbereitet hat (Straßenschmuck, Kirchenschmuck, Blumenmädchen, Reitergarde…). Verwenden, ist doch klar! Ist ja auch zu schade, wenn alles weggeschmissen werden muss.

Da grade Pfingsten vor der Tür war, entwickelte hier in der Region Pfingsten einen ganz eigenen Charme. So eigen, dass selbst die Gauchos (Brasilianer aus dem Süden) nur so staunten.

Schon Wochen vorher gehen Trupps durch die Gemeinden um für „Divino Espirito“ (Göttlicher Geist, obwohl ja Pfingsten eigentlich Pentecostes heißt) zu sammeln. Dabei machen sie lautstark mit Feuerwerk und Gesang auf sich aufmerksam. Das Geld das dabei zusammenkommt, wird für Deko und für ein Essen (Frühstück, Mittagessen und/oder Abendessen) verwendet. Zum Essen sind dann alle eingeladen (=Kostenlos). Zuletzt stellt der Trupp einen Masten mit einer Divino Espirito Fahne vor die Kirche.

Der Empfehlung von Ir. Sabina und Pe. Iolando folgend nahmen wir so viel wie möglich an den Festivitäten teil: Morgenmesse in der Villa Brasil, Mittagessen im Zentrum und Abends nach Barreirinhas (unserem aktuellem Wohnviertel).

Nachdem wir schon das Frühstück verpasst hatten (weil wir mal ausschlafen wollten) begann die Messe mit dem Einzug der Divino Espirito Kapelle, anschließend Messdiener und Pfarrer, eine Taubenstatue, der Fahnenträger mit Fahne, ein Engel mit Bibel, weitere Kinder als Engel verkleidet mit Fahnen auf denen die Gnadengaben des Heiligen Geistes standen, der Capitão, der König und die Krone, der Prinz und die Prinzessin. Alles ist in Rot und weiß geschmückt.

Anschließend ging es für uns (nach ein bisschen Hallo sagen) weiter ins Zentrum unserem zweiten Wohnviertel. Dort war die Messe vorüber, Bingo wurde verschoben, weil nicht genug Leute ein Los gekauft hatten, also auf zum Essen. Und das konnte sich sehen lassen: Feijão, Reis, Tomatensalat und Grillfleisch. Dazu wurden eiskalte Erfrischungsgetränke gereicht. Auch hier trafen wir sehr viele Bekannte und Freunde. Eigentlich erstaunlich, wie viele Menschen man in einem halben Jahr so kennenlernt.

Last but not least, ging es nach Hause um in der Kirche São Sebastião die fulminanteste Messe des Tages (zumindest für uns) zu erleben. Die Reitergarde hatte nicht nur den Namen, sondern kam tatsächlich auf vier Pferden daher. Die Taubenstatue musste von einem Motorrad gezogen werden und es gab nicht nur einen Prinzen und eine Prinzessin, sondern ein ganzes Bataillon davon. Dazu kam, dass die Familie des in diesem Jahr verstorbenen Hauptorganisators mitmarschierte. Der Bischof krönte den König und dann konnte die Messe beginnen.

So jetzt kommen die Preise:

Der Preis für die am schönsten geschmückte Kirche geht an: Vila Brasil São José

Der Preis für das beste Essen geht an: Centro São João Batista

Der Preis für die schönste Parade geht an: Barreirinhas São Sebastião

Der Preis für die größte Panne geht an: Barreirinhas São Sebstião
(Eigentlich war geplant, dass ein Schwarm weißer Tauben während der Messe starten sollten. Dumm nur, dass die Tauben überhaupt keinen Grund sahen, warum sie in stockfinsterer Nacht irgendwohin fliegen sollten. Allerdings dicht gefolgt von Vila Brasil São José, weil eine der zwei Tauben nach dem Freilassen von unten gegen das Dach der Kirche geflogen ist, abstürzte und nach starthilfeversuchen durch beherzte Kirchgänger auf einem der gespannten Dekotücher den Rest der Messe verbrachte.)

Sonntag, 1. Juni 2014

Aller guten Dinge sind drei!

... Umzüge nämlich :-) Ja, wir sind (schon wieder) umgezogen. Und irgendwie fühlt es sich wie Schlüpfen an. Schlüpfen? Ja - zumindest stell ichs mir so vor, wie wir uns jetzt fühlen, dass es sich wohl anfühlt, wenn ein Küken ausm Ei schlüpft. Weil: Raus aus dem behüteten (Kloster, Bischofshaus), rein ins selbstständige, in die Eigenverantwortung, in die eigene, kleine aber feine Wohnung (netterweise direkt neben der Kirche).

Gestern haben wir mit Hilfe von einigen Freunden die neue Wohnung bezogen - d.h. Ben ganz klassich mit den Männern ab nach St. Luzia (eine Pfarre, von der wir uns die Möbel leihen dürfen), ich blieb mit einer Freundin und einem Bekannten in der Wohnung, Farbspritzer wegkratzen, kehren, wischen... Damit die Möbel nicht in den Dreck gestellt werden müssen.

Als sie mit den Möbeln ankamen, konnte ich mir das Grinsen echt nicht verkneifen - weil das, was in Deutschland definitiv nicht durchgehen würde (von der Anhängerbeladung her), ist hier kein grosser Grund zur Aufregung... Ich meine, wir haben ja schon vieles in der Art gesehen, aber die "eigenen" Sachen da drauf, nur mit Seilen gesichert... Aber das Bild spricht für sich.

                            

Arbeiter haben natürlich auch Hunger - und ich dachte ursprünglich daran, Pizza zu bestellen - und dann kam plötzlich die Ehefrau vom Vermieter rein und meinte "Du, ich mach Essen für euch alle". ich so "für alle?? (waren 7) "ja, klar..." Da blieb mir dann kurz der Mund offen stehen - weil so viel Grosszügigkeit und Anteilnahme erlebt man selten.
Im Allgemeinen wars einer der schnellsten Umzüge, den ich bis jetzt erlebt hatte (also mit Möbeln). Weil durch die vielen helfenden Hände wars auch ganz schnell vorbei.

Geschirr und Co hatten wir uns die Tage vorher schon angefangen zu organisieren (bei den Schwestern von São Bento, beim Bischof selbst...) und zu holen, ums für die restlichen Monate hier ausleihen zu können. Und am Nachmittag gings dann natürlich an die ersten Einkäufe... War logisch dass wir am Abend eigentlich nur noch ins Bett wollten - aber irgendwie gings dann doch anders aus (mit nem sehr gemütlichen Bierchen und Freunden).

Aktuell sind wir sehr glücklich über die Selbständigkeit, über unser eigenes kleines Reich... Falls jemand denkt (so wie ich anfangs) "na mit Mission  hat des in der eigenen Wohnung wohnen (weil es is ja quasi nicht anders wie daheim) nimmer viel zu tun" - ähm, doch. Weil eigentlich, wenn man immer bei jemandem wohnt, ist DAS nicht das normale Leben in der Kultur. Eigentlich beginnt jetzt der spannende Teil - weil wenn wir zum Beispiel Freunde jetzt bei uns haben, dann agieren wir so, wie wirs jahrelang gelernt haben. Was aber nicht immer dasselbe ist, wie es hier üblich ist. Genau jetzt beginnt der spannende Teil, das Mittendrinsein  - wir sind nichts Besonderes mehr... (aber trotzdem noch beschützt)

Der Bischof kommentierte den Umzug mit "ist ein guter Tag, ihr zieht mit Maria um" (31. Mai wird hier der Besuch Mariens bei Elisabeth ganz gross gefeiert).

Freitag, 30. Mai 2014

Parabens para mim!

Kuchen gab es keinen – Gott sei dank, denn gegen die Kuchen hier sind die deutschen Kuchen quasi Diätware. Nein, standesgemäß und so wie mich meine Freunde kennen, habe ich es richtig krachen lassen. Und die ganze Stadt hat mitgeholfen!

Zuerst gab es um 5:30 Uhr ein sauberes Feuerwerk, so dass es mich aus dem Bett gehoben hat. Anschließend zog eine Blaskapelle durch die Straßen und spielte Happy Birthday – KEIN SCHMÄH! Naja, vielleicht nicht ganz wegen mir, sondern weil die Stadt Barreiras am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich. Allerdings wollte ich mich von dem Trubel etwas entfernen und hatte mit ein paar Freunden Grillen ausgemacht.

Bis Samstag Abend war zwar der Ort noch nicht geklärt, aber ich hab das relativ gelassen gesehen. Im Zweifel hätten wir halt bei jemanden daheim gegrillt. Blöd war ein bisschen, dass wir uns auf die erste Zusage verlassen hatten und deshalb noch kein Bier besorgt haben. Aber in Brasilien gehen die Uhren ein bisschen anders (Kenne ich aus Bayern) und deshalb haben hier die Supermärkte am Sonntag Vormittag auch offen.

Hier die Packliste:

3 kg Contra-Filé (Sirloin = ist wohl ein Teil vom Roastbeef)
3 kg Alcatra (Top sirloin = Rumpsteak, wers genauer wissen möchte fragt bitte einen Metzger)
1 kg Hühnerwürstchen
1 kg Hünerschenkel

1 kg Reis
2,5 kg Bohneneintopf
1 kg Tzatziki (Abgeleitet vom „weltbesten Tzatzikirezept“, jetzt auch durch Brasilianer bestätigt)
3 kg Mandioca
1 kg Tomatensalat

120 Dosen Bier
24 Dosen Erfrischungsgetränke

Das ganze für geplante 14 Gäste.

Zu unserer Verteidigung, es ist Bier und Fleisch übriggeblieben, aber nicht sehr viel. Das lag vorallem auch an der bahianische Einladungspolitik. Und die funktioniert so: Die Bahianer gehen davon aus, dass sowieso irgendjemand kurzfristig nicht kann und nehmen deshalb vorsorglich jemanden mit.  Bei einem Pfarrer muss man mit soviel zusätlichen Gästen rechnen, wie Sitzplätze im Auto vorhanden sind.

Ich war da schon eine große Ausnahme, weil ich Deutscher bin und vorher darauf hingewiesen habe, dass ich nicht mit zusätzlichen Gästen kalkuliere. Deshalb wurden nur die Gäste mitgenommen, die ich aus irgend einem unerfindlichen Grund „vergessen“ hatte, oder die ganz besonders gut in die Gruppe passen.

Unser Freund und Gaucho Fabio
beim Vorbereiten des Grillfleischs
Also, Pe. Iolando nahm die Schwestern von São Bento und unsere Freunde nahmen noch ein ganz liebes Pärchen mit, die auch gerne Mal Musik machen (Sie singt, er spielt E-Gitarre), Henrique nam noch eine Bekannte mit und natürlich kam noch das Ehepaar dazu bei dem uns der Diakon João eingeladen hatte. Leider musste Bischof Dom Josafá absagen, was unter anderem daran lag, dass er seit einer Woche Administrator einer zweiten Diözese ist und nun unter der Woche die 400 km hin und her pendelt.

Truppe komplett, Essen und Trinken gekauft, Lokalität gesichert (ein kleiner Bauernhof am Fluss) also ab zum Treffpunkt. Dass sich die Abfahrt um eine Stunde verzögerte war für mich schon fast beruhigend.

Nein, dass ist keine optische Täuschung,
der Caipi ist so gross
Dort angekommen machten sich die einen ans Ausladen (Tische, Stühle, Boxen, Mischpult, Stromkabel, Instrumente, Essen und Getränke) und transportierten alles zum Fluss, die Anderen – also der Pfarrer, die Frauen und ich – lehnten uns zurück und sahen Fabio bei der Zubereitung eines XXL Capi zu.

Irgendwann hieß es dann ab zum Fluss und während unter dem leichten Druck hungriger Frauen Feuer gemacht und das Fleisch aufgespießt wurde, war noch Zeit für ein erfrischendes Bad im Fluss. Die, die nicht am Grill beschäftigt waren oder gerade badeten unterhielten sich gemütlich im Schatten der Bäume oder spielten Musik.

Jetzt könnte ich natürlich noch den ganzen Nachmittag in allen Einzelheiten beschreiben, aber wahrschheinlich sind eh die meisten schon nach der Packliste ausgestiegen, deshalb nur soviel. Irgendwann wurde es dunkel, wir packten unsere Sachen bekamen noch ein deftiges Abendessen von der Donna (Herrin) des Hauses (Wir haben ja noch nicht genug gehabt).

Danke an alle die dabei waren und natürlich allen, die an meinen Geburtstag gedacht und mir auf einen der vielen Kanäle gratuliert haben.

PS: Für die, die jetzt bei der Packliste den Taschenrechner schon rausgeholt haben, ein kg Rindfleisch in Premiumqualität kostet hier ca. 14 Real was umgefähr 5 Euro entspricht. Das gesamte Fleisch hat uns also 30 - 40 Euro gekostet.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Kaaskrainer gibts!




Käsekrainer? Sind die denn was Besonderes? Oh ja, für uns schon! Wenn man sie kurz vorm Abflug nämlich noch regelmäßig in der abgewandelten Form von Berner Würschteln gegessen hat, und dann so auf Null umsteigen muss, weils sie einfach nicht gibt (wer kommt denn auch bitte auf die Idee, Wurst mit Käse zu füllen?), dann, ja dann sind sie schon Besonders.

Extra-Fleisch (Rippen)
Wie auch immer - in irgendeinem Gespräch mit Freunden hier hatten wir mal erwähnt, dass uns gewisse kulinarische Sachen durchaus abgehen - unter anderm Käskrainer. Und echt lieberweise hatten die Freunde (Valdir & Carol) dann wieder einen Freund (Rogerio), der weiß, wie man Würste macht - also logischerweise auch die Würste mit Käse füllen kann. Und der das extra für uns machen würde!

Die Gelegenheit konnten wir uns nicht entgehen lassen... Und so wurde für Mitte Mai der Termin ausgemacht. D.h. am Tag vorher einkaufen: 1 kg Käse, 4 kg Fleisch, Gewürze. Nochmal mind. 4 kg Fleisch auf Wunsch vom Hausherrn, weil, die Würste alleine sind ja eig. nur ein Appetitanheizer.


Sonntags ab 10 Uhr gings dann los - mit mindestens ner halben Stunde Fleisch und Käse schnippeln... Die Männer haben gearbeitet, ich durfte daneben sitzen und kommentieren :)

Zum Schluss natürlich die Masse (Fleisch und Käse) durchmischen, würzen und abfüllen.




Der Zubereitungskreativität sind da natürlich keine Grenzen gesetzt: Wir haben sie gekocht, frittiert, gegrillt... Wobei die Kombi vorkochen und danach Grillen die Beste war.
Ganz so wie zu Hause haben sie nicht geschmeckt (die sind ja auch geräuchert), aber trotzdem wars unglaublich lecker...
Und wir haben es sehr sehr lieb gefunden, dass sie extra für uns diesen Aufwand betrieben haben.




Freitag, 16. Mai 2014

Ist es immer, immer schön? Von der Welle der Ernüchterung

Ich hab jetzt selbst mal unsere Blogeinträge so überblättert. Und wenn man die liest, bekommt man schon das Gefühl, dass unser Leben hier das Leben eines Traumauslandsaufenthaltes ist. Sonne, Musik, Reisen, Wasserfälle, coole Aufgaben...

Ja, es ist ein Traum! Und gleichzeitig aber auch nicht.

Ganz ganz ehrlich? Ein bisschen Heroismus hat fast jeder, der ins Ausland geht, um in sozialen Projekten zu arbeiten, doch immer in sich. Die Hoffnung, Fußspuren zu hinterlassen, irgendwas Bewegendes zu machen. Dafür zu sorgen, dass man sich verewigt. Keiner würde es offen zugeben, aber es ist so. Und natürlich ist es auch am Anfang so, dass einem die Helfer vor Ort sagen, dass es das nicht sein wird. Dass man nicht glauben sollte, in einem Jahr viel bewegen zu können.
Aber kommt schon - wer hat immer gleich sofort auf das gehört, was ihm seine Eltern oder ältere Geschwister oder ... gesagt haben? Um nachdem auf die Schnauze fallen festzustellen, dass sie Recht hatten?

Dann kommt der Alltag - und mit ihm die Welle der Ernüchterung. Wenn bei der Arbeit im Kinderprojekt, die Kinder sich trotzdem immer noch nicht wie die reinsten Engel benehmen (wobei man mit aller Liebe mit ihnen gesprochen hatte); wenn in einem anderen Bereich der Pastoral nichts vorwärts geht, weil naja, das mit dem Termine vereinbaren um mal Organisation zu machen nicht so eng gesehen wird - man hat ja für alles viiiiiiiiiiiiel Zeit (und September ist weit, weit weg) - oder Vorgesetzte auch nach dem zigsten Mal erklären ihre Vorgehensweise immer noch nicht anpassen - dann, ja dann kommt schon Mal die Welle der Ernüchterung. Die so aussieht, dass man sich fragt, was man eigentlich hier macht. Was man sich eingebildet hatte, ausrichten zu können. Und wo man einsieht, dass man nicht so allkönnend, allwissend ist, wie man geglaubt hatte (ja, diese Arroganz ist uns Europäern durchaus zu eigen).

Was macht man dann? Durchschnaufen, dankbar sein, dass man vom hohen Ross geholt wurde. Und Kopf hoch - weil wir wurden nicht zum Aufgeben geboren. Wenn man dann nämlich den Perfektionismusdruck, den man sich selbst auferlegt hatte, wegnimmt, genießt man plötzlich auch viel mehr.

Ja, und manchmal kommt auch die Sehnsucht nach zu Hause hoch. Nicht so als krasser Schmerz, wie am Anfang. Eher so wie ein ganz tief drin liegendes Ziepen. Ich, für meine Seite sehne mich zum Beispiel danach, bestimmte Freunde, Familie, wieder in den Arm nehmen zu können. Weil Dank Internet und Co ist Konversation möglich - aber nichts ersetzt dir die Umarmung.

Und trotzdem. Wenn uns jemand fragt, wies geht, antworten wir GUT! Weil es die Wahrheit ist. Ja, oben erwähnte Punkte sind präsent. Aber sie wiegen wenig im Vergleich zum Berg der schönen Eindrücke und Gefühle, und Zuneigung - seis von Kindern, in Freundschaften...